Allgemeines zu den Kodokan-Kata

von Klaus Hanelt

Das Kanji Kata bedeutet grundlegende Form, Gestalt, Modell, zeremonielle Vorführung, Erscheinung, Aussehen, Stil, Format. Kata berührt auch noch heute viele Bereiche des japanischen Alltagslebens (z. B. Schrift, Architektur, Haltung, Benehmen, Teezeremonie, Papierfalten, Blumenstecken, Trommeln).

Für die klassischen kriegerischen Künste in Japan war Kata, ein Üben nach Vereinbarung, die Grundtrainingsart, die auch dazu diente, die Kraft der Übenden zu starken und ihre Körper abzuhärten. Die meisten Schulen der Kriegskünste (Ryu) kannten kein Randori (Freies Üben); denn viele der gelehrten Techniken waren bei nicht eingeübter Ausführung tödlich. Deshalb wurden sie in Form von Kata unterrichtet, bei denen zunächst Situationen des Schlachtfeldes nachgestellt oder Scheingefechte vereinbart wurden. Auf diese Weise konnten die Krieger ihre Kampfkünste ohne größere Verletzungen mit den Mitgliedern ihrer Ryu ausüben.

Intuitives Lernen war der Schlüssel zu allem Fortschritt. Kreativität und Originalität, die in der westlichen Welt in der modernen Erziehung von Kindesbeinen an gelehrt werden, waren in diesen Schulen nicht gefragt. Es galt das Meister-Schüler-Prinzip. Der Schuler, der den Stil des Meisters der Ryu am besten nachzuahmen vermochte, wurde von ihm adoptiert und durfte seinen Namen weiter fuhren. Derjenige Schüler, der hingegen die Kunst seines Meisters eigenwillig auslegte, so genial er dabei auch sein mochte, stellte sich ins Abseits. Im blieb nichts anderes übrig, als eine eigene neue Schule für seine Kunst zu gründen.

Der Schuler lernte dementsprechend in allen Ryu, indem er dem Beispiel des Meisters folgte. Der Lehrer erwartete von seinem Schuler, daß er, ohne zu fragen, Techniken und Bewegungsablaufe ohne eigene Kreativität nachahmte. Mit Entschlossenheit und Zähigkeit sowie durch hundertfaches Wiederholen verinnerlichte der Lernende das Gezeigte zum bedingten Reflex, dem am höchsten begehrten Grad der Geschicklichkeit.

Das Erreichen dieses hohen Zieles setzte neben technischer Perfektion voraus, daß zwischen dem Erkennen (der Gefahr, des Angriffs) und dem zweckentsprechenden Handeln kein Hauch von Denken aufkam (mu ga mu shin = kein Ich, kein Gedanke). Nur so Iie6 sich ein intuitives, absichtsloses, spontanes Handeln im Einklang mit der jeweiligen Situation verwirklichen.

Aufgrund des gewonnenen Selbstvertrauens in die eigene Technik konnte der Bushi einem unvermeidlichen Angriff gelassen abwartend, ungerührt und unempfindlich gegenüber äußeren Störungen entgegensehen.

So führte eifriges, hingebungsvolles Exerzieren, den Bushi (Ritter) zur Reife in der Technik und zur geistigen Scharfsinnigkeit. Kata spielte auf diese Weise eine bedeutende Rolle bei der Vollendung des Gleichgewichts zwischen körperlichen und geistigen Kräften.

Kata stellte als Grundlage der klassischen japanischen Kriegskünste die Elemente der

          Einfachheit,

          Natürlichen Wirksamkeit,

          Harmonie,

          Eingebung (Intuition),

          Wirtschaftlichkeit der Bewegung und das

     Prinzip der Sanftheit
in den   Vordergrund.

Die japanischen Ritter (Samurai) kämpften in der Regel berufsmäßig für lokale Fürsten oder die Zentralregierung des Kaisers oder Shoguns. Sie studierten und entwickelten gründlich und umfassend viele Arten von Waffen und zahlreiche Kampfesweisen für den bewaffneten und unbewaffneten Kampf Mann gegen Mann. Im frühen 16. Jahrhundert hatten sich einige tausend Schulen für die Ausbildung in kriegerischen Künsten (z. B. Ju jutsu = Jiu jitsu) entwickelt. Ju jutsu war ursprünglich Bestandteil eines größeren Systems, das auch den Gebrauch des Schwertes (Ken jutsu) und anderer Waffen einschloß.

Im 17. Jahrhundert trat Japan in eine vergleichsweise lange Periode inneren Friedens ein. Unter der Herrschaft der Tokugawa-Shogune büßte die Kriegerkaste ihre einst führende Stellung ein. In der Zeit des Friedens verloren viele Ju jutsu-Stile ihre Ausstrahlung aus Mangel an praktischer Übung; und was von den kämpferischen Elementen übrig blieb, diente grundsätzlich nur noch der Selbstverteidigung im bürgerlichen Leben.

Die Befreiung von den früheren Kriegsdienstpflichten auf dem Schlachtfeld gab den Bushi aber zugleich auch die Zeit, darüber nachzudenken, wie sie dennoch ihre kämpferischen Fähigkeiten aufrechterhalten und die erfolgreichen Techniken vergangener Zeiten bewahren konnten. Als Mittel, diese Ziele zu erreichen, dienten vor allem die Kata mit ihren abgestimmten Handlungsablaufen. In diesen Kata überlieferten die Ryu die teilweise Jahrhunderte alten kriegerischen Erfahrungen, die zumeist nicht niedergeschrieben, sondern nur aus dem körperlichen Gedächtnis des jeweiligen Meisters mündlich oder durch Kata von Generation zu Generation weitergegeben wurden (kuden = gesprochene Überlieferung).

Kano Jigoro (28. Oktober 1860 - 4. Mai 1938), der Begründer des heutigen Judo, studierte in einer Vielzahl dieser alten Schulen die geistigen Hintergrunde der einzelnen Lehrsysteme sowie deren Schlag-, Tritt-, Wurf-, Halte-, Hebel- und Wiederbelebungstechniken und die ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien und Lehrmethoden.

Er wählte für sein Lehr- und Erziehungssystem diejenigen Techniken aus, die seinen Vorstellungen und Erfahrungen nach am ehesten dem von ihm aufgestellten Prinzip des wirksamen Gebrauchs der körperlichen und geistigen Kräfte (Sei ryoku saizen katsuyo = Sei ryoku zen yo) entsprachen.

Kano vertrat nicht die Auffassung, daß Ju (sanft, weich, geschmeidig; schwach) das tragende Prinzip im Judo sei. Er kennzeichnete vielmehr Sei ryoku zen yo als das überragende und prägende Prinzip, weil es allgemeinere, vielseitigere und grundlegendere Anwendungsmöglichkeiten bietet als das Prinzip des Ju. Denn es gibt im Judo nicht nur Gelegenheiten, bei denen es vorteilhaft ist, nachzugeben, sondern umgekehrt auch Situationen, bei denen es angebracht ist, Härte (go) anzuwenden.

Kanos Bestreben war in seinem Lehrprogramm stets auf einen harmonischen Ausgleich innerhalb der einzelnen Übungen gerichtet. Deshalb beabsichtigte er ursprünglich, fünf Kata des Ju (weich) zu schaffen und ihnen fünf Kata des Go (hart) gegenüberzustellen sowie fünf weitere Kata mit Elementen aus beiden Prinzipien (ju und go) zu entwickeln. Verwirklicht hat er im Jahre 1887 u. a. die heute noch gelehrte Ju no kata auch Taiso no kata (Gymnastik-Kata) genannt und die Go no kata, welche jedoch inzwischen nicht mehr unterrichtet wird.

Im Jahre 1882 gründete er seinen Ko do kan (Halle zum Studium des Weges) und stellte sein Judo, ein reformiertes Jujutsu, vor. Kano-Shihan legte in seinem neuen Weg" (do) insbesondere auf die Entwicklung des Charakters und die Vollendung des Individuums größten Wert. Er arbeitete ausdauernd an der sozialen Ausprägung seines Judo, indem er den Grundsatz des beiderseitigen Wohlergehens (Ji ta yu wa kyo ei = ji ta kyo ei; d.h. Freundschaft und gegenseitiges Wohlergehen) zielstrebig ausbaute.

Judo, wie es Kano Jigoro zur körperlichen, geistigen und moralischen Erziehung begründet hat, kannte ursprünglich nur zwei Hauptübungsformen, nämlich Kata und Randori (Freies Üben, d. h., Vorstufe des Kampfes). Erst später trat Shiai (Wettkampf) hinzu. Auch Uchi komi betrachtete Kano als ein Art von Kata und als das beste Mittel, eine Technik zu erlernen.

Während im Wettkampf das Handeln von dem Willen geprägt ist, zu siegen und im Randori das Bestreben im Vordergrund steht, der/die Aktivere zu sein, gilt es in der Kata, nicht nur einen zweckbestimmten, sondern auch vollendeten Bewegungsablauf überlegen und ohne Hemmungen zu erreichen. Angriff und Verteidigung können im Shiai und Randori nur eingeschränkt vorausgeplant werden, weil sich Agieren und Reagieren der Partner/innen ständig wechselseitig beeinflussen. Randori und Shiai zeichnen sich durch einen Kampf mit dem Gegner aus.

In Kata werden wichtige technische und geistige Prinzipien und Wirkungsweisen des Judo in Reinform unter idealisierten Verhaltensweisen dargestellt, erlebt und mit dem Körper begriffen, während Randori und Shiai versuchen, diese Prinzipien auch unter widrigen Umständen um- und durchzusetzen.

Kata gibt deshalb genau die Ausgangsstellung, Schrittfolge und -art, Angriffsziel und Abwehr, Wurf-und Fallrichtung usw. vor. Das Üben und die Ausführung von Kata erfordern vor allem ein hohes Maß an Disziplin, das im Wettkampf und Freien Üben fehlt. Kata ist deshalb insbesondere eine Judo-Übungsform zur Eigenkontrolle, ein Kampf mit sich selbst, sowohl geistig als auch körperlich. Sie schärft zugleich den Blick nach innen für Körperwahrnehmung und Technikausführung in funktionaler und ökonomischer Hinsicht.

Im Shiai und Randori wechseln leistungsbedingt Sieg und Niederlage. In der Kata sind die Rollen zwischen Sieger" (Tori = Ausführender) und Besiegtem" (Uke = Nehmender i. S. v. Verlierer) von vornherein eindeutig festgelegt. Sie bietet daher die Möglichkeit, sich ohne Ablenkung auf das Wesentliche der Grundtechniken zu konzentrieren. Das können Shiai und Randori nicht.

Ichiro Abe, 9. Dan, weist darauf hin, daß zwischen Randori und Kata eine enge Beziehung besteht, so wie zwischen Grammatik und Aufsatz. Weder das eine noch das andere darf ein Judoka vernachlässigen. Die Grammatik lehrt die Grundsätze des richtigen Sprechens und Schreibens, das ist die Kata. Der Aufsatz oder das Freie Üben, das ist das Randori. Die Kenntnis und das Können einer Kata fördern auch die Fähigkeiten im Randori.

Shiro Yamamoto, 8. Dan, betrachtet Randori und Kata als die zwei Flügel eines Vogels, der auch nur gut fliegen kann, wenn die Muskulatur beider Schwingen entsprechend symmetrisch entwickelt worden ist.

Kata übt den Geist (shin), unterstützt die kämpferische Wirksamkeit der Techniken (waza) und hilft, den Körper (tai) konditionell zu entwickeln.

Kano-Shihan hat seine Kata auch aus Achtung vor seinen Lehrern und in Erinnerung an sie geschaffen bzw. deren Kata übernommen (z.B. Kirne no kata, Koshiki no kata) und hat auf diese Weise deren unterschiedliche Stile des Jujutsu zumindest teilweise überliefert.

Kata bewahrt somit auch vom Vergessen bedrohte Techniken, z. B. durch:

          Schlagen auf den Kopf (Tento),
Ausführungsart von Sumi gaeshi, Uki waza in
Nage no Kata;

          Abknien (Taka kyoshi no kamae; Kurai dori)
und Bewegen zwischen den Techniken
(Shikko ashi), W
ürgen von hinten in Katame
no kata;

          Haltung, die durch das Tragen von Rüstungen
bedingt ist, in Koshiki no kata;

          Schläge, Tritte, Gebrauch von Dolch und
Schwert in Stich, Schnitt und Hieb, Ki ai in
Kirne no kata.

 

Kata erinnert damit an die überlieferten, gemeinsamen Ursprünge der Budo-Künste in den kriegerischen Wurzeln der japanischen Feudalzeit (Traditionspflege).

Die Kodokan-Kata erheben nicht den Anspruch, moderne Wurf- und Grifftechniken zu repräsentieren, wie sie sich vor allem in den letzten Jahrzehnten unter dem Einfluß der Wettkämpfe entwickelt haben. Vielmehr ist es Intention dieser Übungsformen - die erst im Jahre 1956 vorgestellte Kodokan Goshin jutsu ausgenommen - Techniken in der Form zu bewahren, wie sie in der Entstehungszeit des Judo tatsächlich bei den kämpferischen Auseinandersetzungen der rivalisierenden Jujutsu-Schulen untereinander oder gegen den Kodokan erfolgreich eingesetzt wurden oder wie sie Professor Kano alten Jujutsu-Stilen entlehnt bzw. selbst aus diesen entwickelt hat.

Die Etikette in Kata stellen keine übertriebenen, leeren Förmlichkeiten dar. Sie bereiten die richtige innere Einstellung vor. Erst Höflichkeit, Gelassenheit und ruhige Ausgeglichenheit erlauben die wichtige Harmonie und Feinheit in den technischen Details.

Auch das Grüßen darf nicht als lästige Formalie betrachtet werden. Der Gruß drückt nicht nur gegenseitige Höflichkeit aus, sondern vor allem die eigene Würde, den inneren Frieden, die Ausgeglichenheit, Wachsamkeit, Gelassenheit und Ruhe sowie die Achtung vor dem Ort (an dem geübt wird = Dojo), dem Meister, dem Partner oder auch Gegner (selbst beim Kampf). Tori und Uke sind vom Angrüßen bis zum Abgrüßen wie mit einem unsichtbaren Gummiseil auf Spannung mit einander verbunden und beenden jede ihrer Techniken als Paar.

Nach dem Grüßen leiten Tori und Uke mit förmlichen Schritten (links/rechts auf Schulterbreite; Shizen hontai) den technischen Teil der Kata ein und stellen damit zugleich den richtigen Handlungsabstand (ma ai) her. Nur die geschickte Wahl der angemessenen Entfernung zwischen Tori und Uke erlaubt in der technischen Ausführung geschmeidige und flüssige Bewegungen.

Die Eröffnungsschritte zeigen gutes Gleichgewicht und zugleich Zuversicht, Kraft und Entschlossenheit (Symbolisches Erwarten des Gegners für den wirklichen Kampf) und führen zu einer ruhigen und ausbalancierten Ausgangshaltung (Kamae), aus der es Uke und Tori möglich wird, schnelle Bewegungsabfolgen zu beginnen und dynamisch und flexibel abzuwehren. Diese Haltung verkörpert das für die Kampftechnik wesentliche Moment der Kraft und Intensität im Zustand äußerster Ruhe.

Die Beziehungen zwischen Körper und Geist lehren, daß körperliche Ruhe (zu der die natürliche Stellung Shizen hontai beiträgt) unmittelbar zur geistigen führt und umgekehrt. Die alten Meister betrachteten deshalb Angst, Zweifel, Hast und Unruhe als die vier wesentlichen Krankheiten, die das innere Gleichgewicht störten. Daher strebten sie als Grundlage der kriegerischen Künste einen gelassenen Zustand an, der durch nichts erschüttert werden konnte (Muga mushin, Zanshin).

 

Tori und Uke setzen ihre Kraft immer nur im erforderlichen Maße ein. Unnötiger Kraftaufwand in den Armen führt zu zuviel Spannung im Oberkörper, zuviel Kraft in den Beinen zu einem steifen, ungelenken Gang. Alle Bewegungen der Arme und Beine werden aus den Muskeln des Unterleibes (hara) gesteuert.

Stets gleicht Uke größere Handlungsabstände aus und steht mit möglichst wenig Bewegungen flüssig und, soweit dies möglich ist, ohne Hilfe der Hände auf. Tori führt nur die technisch unbedingt notwendigen Schritte aus.

Alle Bewegungen von Tori und Uke stehen in Wechselbeziehung zu ihrer Atmung. Sie bestimmt den Ausführungsrhythmus. Hastige, unkontrollierte Atmung führt zu hastigen, unkontrollierten Bewegungen. Die Partner holen deshalb rhythmisch, tief, langsam und ruhig Luft und gestalten ihre Kata so, daß sie beim Höhepunkt der jeweiligen Technik am Tiefsten ausatmen.

Ausstrahlung und Gesamteindruck prägen ganz entscheidend den Wert einer Kata. Die Ausführenden (Tori und Uke) handeln synchron, beschränken ihre Bewegungen auf das Wesentliche, führen ihre Handlungen natürlich und fließend aber dennoch tatkräftig aus und achten dabei darauf, dass sie einen Rhythmus finden, der ihre Angriffe und Verteidigungen harmonisch verbindet. Sie müssen das richtige Gehen, Drehen und Ausweichen beherrschen sowie die Kraft im richtigen Augenblick und im richtigen Maße anwenden.

Tori leistet keinen unmittelbaren Widerstand. Auf Ukes Angriff gibt er geschickt nach oder weicht reaktionsschnell aus, neutralisiert und lenkt die gegnerische Kraft um oder nimmt sie auf. Er bewahrt stets sein eigenes Gleichgewicht und stört sicher das des Gegners. Erst nachdem er auf diese Weise Ukes Angriffsinitiative gebrochen hat, wird Tori selbst aktiv und demonstriert fehlerfrei und umsichtig seine eigene ernsthafte Abwehr. So erreicht er eine große Wirksamkeit bei geringem eigenen Aufwand (sei ryoku zen yo, d.h., bestmöglicher Einsatz von Geist und Körper oder technisches Prinzip).

Tori schließt jede seiner Aktionen kontrolliert ab und nimmt nach Ausführung jeder Technik für einen Augenblick eine Körperhaltung (zan shin) ein, die es ihm erlaubte, mit flinken Handlungen mögliche Angriffe Ukes ausdauernd zu bekämpfen. Dabei hält er den Blickkontakt mit Uke (mikkomi) aufrecht und zeigt eine besondere Art gebündelter Wachsamkeit und kampfbereiten Eifer, durch die er Uke beherrscht.

Gelassenheit und ruhige Wachsamkeit beider Judoka drücken die meisterhafte Beherrschung der geforderten Techniken aus. Selbstvertrauen in die eigene Technik sowie Umsicht im Handeln werden erkennbar. Dies erfordert ein besonders hohes Maß an gegenseitigem Verstehen und Einfühlungsvermögen, sorgfältiger gemeinsamer Arbeit, Höflichkeit, Anstand, Verantwortung und Pflichtgefühl gegenüber dem Partner.

Durch vielfaches gemeinsames Üben erreichen Tori und Uke eine körperliche geistige und seelische Übereinstimmung, die zur Harmonie in der Darstellung führt. Tori muß hierbei für Ukes Fortschritt in technischer und persönlicher Hinsicht genauso angestrengt und zielstrebig arbeiten wie für seinen eigenen (ji ta kyo ei, d. h., durch gegenseitige Hilfe zu beiderseitigem Wohlergehen oder moralisches Prinzip).Die rechte geistige Einstellung muß die körperliche, technisch-mechanische Handlung leiten. Denn setzen Tori und Uke zuviel Wille und Energie ein, entstehen eckige, hastige Bewegungen, die zu Disharmonie führen.

Jede Kata hat ihren eigenen grundlegenden und repräsentativen Technikquerschnitt (Modellcharakter der Kata), der bestimmte, zum Teil selbstverteidigungsbezogene Situationen und deren Lösung durch Judotechniken widerspiegelt Tori und Uke stellen die Phasen und Prinzipien der einzelnen Techniken in flüssigem und dynamischem Bewegungsablauf fehlerfrei und ohne unnötigen Krafteinsatz dar. Dabei müssen sie auf ihre Haltung, Schrittbewegungen, den richtigen Handlungsabstand, die gute Raumaufteilung und Symmetrie ihrer Ausführung achten.

Kata bietet ein umfassendes diagnostisches System, durch das der Meister oder der sonst Kundige feststellen kann, ob die Kata und ihre technischen Elemente entsprechend den ihnen innewohnenden Prinzipien geistig erfaßt, körperlich begriffen und sachgerecht ausgeführt worden sind (z. B. in Nage no Kata anhand der Endposition von Uke).

Das, was Kata-Ausbildung und -Ausführung besonders anspruchsvoll macht, ist nicht allein der Ablauf, der dem Zuschauer bei Aufführungen oder Prüfungen geboten wird.

Jede Kata gliedert sich von ihrer Anlage her in zwei wesentliche Teile:

          Omote (von vorn, Vorderseite, auf der Stelle;
positiv; im übertragenen Sinne sichtbar,
erkennbar) und

          Ura (nach hinten, Rückseite; negativ; im
übertragenen Sinne unsichtbar, verborgen).

Omote umfaßt das Geschehen, welches der Zuschauer unmittelbar sieht und erkennt, wenn Tori und Uke ihre Kata konzentriert, zielgerichtet und wirkungsvoll ausführen. Was aber die Darsteller zu einem umfassenden, in die Tiefe gehenden und hingebungsvollen Studium der Prinzipien und technischen Abläufe zwingt, ist die unsichtbare Vorarbeit, die der Demonstration vorangeht, d.h. Ura.

Ura beginnt mit der Analyse der jeweiligen Kata, der Schlüsselpunkte der Techniken und führt über die unterschiedlichen Varianten von Angriffen (henka waza) und Verteidigungen (fusegi waza) sowie Gegentechniken (kaeshi waza) zu den verborgenen Feinheiten der Techniken und Handlungsabläufe (kakushi waza).

Omote ist vergleichbar mit der Spitze eines Eisberges, Ura mit dem unsichtbaren, unter Wasser schwimmenden Teil eines solchen Eisriesen.

Während Kano die Gokyo no waza (Fünf Stufen der Wurftechniken) als ein Mittel betrachtete, die einzelnen Techniken und ihre Wirkungsweisen zu studieren, legte er seine Kata wesentlich vielschichtiger unter strategischen und taktischen Gesichtspunkten und auf den Ebenen des Rhythmus, Abstands, Gleichgewichts und der Bewegung an.

Kata soll nach seinem Willen vor allem das überragende und beherrschende Prinzip des Sei ryoku zenyo lehren aber zugleich auch den anderen höheren Prinzipien gerecht werden, wie z. B.

          Shizentai no ri (Prinzip der natürlichen
Stellung),

          Kamae no ri (Prinzip der richtigen Haltung),

          Ju no ri (Prinzip des Nachgebens),

          Ma ai no ri (Prinzip des richtigen
Handlungsabstands),

          Ri ai no ri (Prinzip der Entfaltung von
Synergien zwischen Tori und Uke),

          Ikioi no ri (Prinzip des Impulses, Schwunges)

          Hazumi no ri (Prinzip der Kraft, Stärke)

Die Kodokan-Kata werden in der Regel von Ukes Angriffen vorangetrieben. Dabei stehen für Tori vor allem die Handlungsweisen des Sen, Go no sen und Sensen no sen als übergeordnete Prinzipien im Vordergrund. Sen (erst, früh) bedeutet die Antwort Toris auf Ukes Angriff, Go no sen das Übernehmen, Stehlen von Ukes Angriffsinitiative (im weiteren Sinne auch Gegentechnik). Bei Sensen no sen ist Tori der eigentliche Angreifer. Er lässt Uke aber glauben, dass er (Uke) der Angreifer sei; d. h. Tori veranlaßt Uke, das zu tun, was er (Tori) wünscht.

Kata zielt durch bewußte Vereinfachung u. a. darauf ab, Freies Üben und Wettkampf zu ergänzen, koordinative Fähigkeiten und nicht nur sporttechnische Fertigkeiten zu schulen (zielorientierte Gesamtkörperbewegung), die Orientierungs-, Reaktions- und Rhythmusfähigkeit (z. B. den Atemrhythmus) sowie die Gleichgewichtsfähigkeit zu fördern, Theorie und Praxis zu verbinden (Grammatik des Judo) sowie ein Sinnbild des technischen und geistigen Weges (Do) zu sein.

Kata ist in den Bewegungsabläufen jedoch keineswegs starr und unveränderlich, sie kann mit einer Handschrift verglichen werden. Es gibt viele Grundformen, zu schreiben; und es ist weniger eine Frage des Richtig oder Falsch, als eine Frage der Neigung oder Vorliebe, wenn man die Richtung, die gefällt, auswählt. Deshalb kann Kata ebenso wie die Schrift Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Stils, der Fähigkeiten und Grenzen sein. Dabei sind nicht ausschließlich technische Gesichtspunkte bei der Ausführung von Bedeutung. Die Breite, mit der Kata ausgeübt werden kann, erlaubt es jedem, sich selbst und seine Judo-Fertigkeiten darzustellen, ohne den Wert der Kata zu schmälern.

Kata ist Geben und Nehmen, ein wechselseitiges Zugeständnis. Die Vorführung von Kata dokumentiert zwar den Abschluß eines relativ langen geistigen und technischen Ausbildungsweges; aber die körperlichen Anforderungen sind berechenbar und geringer als diejenigen, die Randori und Shiai voraussetzen. Kata erlaubt es deshalb auch, Judo einen lang andauernden Zeitraum ohne übermäßige Ermüdung auszuüben. Kata stellt somit auch einen idealen Weg für gesundheitlich Beeinträchtigte oder Ältere dar, ihre sportlichen Aktivitäten fortzusetzen.

Übersicht zu den Kodokan-Kata

 

Kata

Einführung

Standardisierung

Nage no Kata

1884 oder 1885

zuletzt 1960

Katame no kata

1884 oder 1885

zuletzt 1960

Ju no kata oder Taiso no kata

1887

1977

Kirne no Kata oder Shinken shobu no kata

1888

1977

Itsutsu no kata

1887

1992

Koshiki no kata

1990

Go no kata

1887

Sei ryoku zen yo kokumin taiiku no kata

Kodokan Goshin Jutsu

1956

Internationales Judo- und Karate-Journal, Jhg. 1965, Heft 1:

Ichiro Abe, 9. Dan, früherer Beauftragter des Kodokan in Europa, zum Verhältnis von Randori und Kata:

Um zu arbeiten, voranzukommen und Judo zu verstehen, verfügen wir über zwei Praktiken: die Kata (zeremonielle Vorführung) und das Randori (Vorstufe des Kampfes = freies Üben oder Judo-Sparring). Weder das eine noch das andere darf man vernachlässigen. Zwischen beiden besteht eine enge Beziehung, so wie zwischen Grammatik und Aufsatz. Die Grammatik lehrt die Regeln, die Grundsätze des richtigen Schreibens und Sprechens, das ist die Kata. Der Aufsatz oder das freie Üben, das ist das Randori. Um gut Randori auszuüben, muß man daher gut die Kata kennen. Im allgemeinen sind die Kata oder die Grundregeln das Stiefkind des europäischen Judo. Ihr Geist und ihre Ausführung sind schlecht verstanden und abgeändert worden. Der Bewegungsablauf von Tsukuri bis Kake, also von Angriffsvorbereitung bis zum Fall, muß beim Randori wie bei der Kata vollständig ausgeführt werden, sonst verliert die Kata ihre grammatikalische' Bedeutung, sie wird ,europäisch'."